Ein normales Körpergewicht bedeutet nicht automatisch, dass man gesund ist. Forscher kritisieren daher den in der Medizin oft genutzten Body-Mass-Index und stellen einen besseren Messwert vor. Übergewicht belastet den ganzen Körper und ist eine der Hauptursachen für Stoffwechselerkrankungen wie Typ-2-Diabetes und viele Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Der Body-Mass-Index, kurz BMI, gilt als Standard, um Übergewicht zu erkennen. Doch wie gesund ein Mensch wirklich ist, spiegelt der Wert oft nicht wider. So zeigen bis zu 30 Prozent der Menschen mit einem normalen Körpergewicht bereits gefährliche Veränderungen des Stoffwechsels. Umgekehrt gibt es Personen mit erhöhtem BMI, deren Stoffwechsel weitgehend unauffällig bleibt. Genau hier setzt ein neues Diagnosemodell an, das Forschende der Universitäten Leipzig und Göteborg entwickelt haben: der sogenannte metabolische BMI – kurz metBMI. Er soll verborgene Risiken erkennen, die der herkömmliche BMI übersieht. Die Studie wurde kürzlich in der Fachzeitschrift "Nature Medicine" veröffentlicht. Unterschätzte Vorstufe : Diese Risikofaktoren treiben Diabetes voran Neuer BMI erkennt Stoffwechselstörung Für die Studie nutzten die Forschenden Daten von knapp 2.000 Teilnehmenden aus zwei großen Bevölkerungsstudien in Schweden . Neben klassischem BMI, Ernährung und Bewegung untersuchten sie auch Hunderte kleiner Moleküle im Blut – sogenannte Metaboliten. Diese können die Gesundheit des körpereigenen Stoffwechsels und der Darmflora widerspiegeln. Mithilfe künstlicher Intelligenz entwickelten die Forschenden anschließend ein Modell, das aus den Stoffwechseldaten den metBMI berechnet. Rima Chakaroun, Erstautorin der Studie und Wissenschaftlerin an der Universitätsmedizin Leipzig, erklärt in einer Mitteilung: "Unser metabolischer BMI deckt eine versteckte Stoffwechselstörung auf, die auf der Waage nicht immer sichtbar ist. Zwei Menschen mit dem gleichen BMI können je nach Funktion ihres Stoffwechsels und ihres Fettgewebes völlig unterschiedliche Risikoprofile aufweisen." Krankheitsrisiko bis zu fünfmal höher – trotz Normalgewicht Die Ergebnisse zeigen, dass Menschen mit einem normalen BMI, aber erhöhtem metBMI ein zwei- bis fünfmal höheres Risiko für eine Reihe von Krankheiten und Beschwerden hatten. Darunter: Fettleber Typ-2-Diabetes krankhafte Fettansammlung an inneren Organen (viszerales Fett) Entzündungen Insulinresistenz Auch der Erfolg einer Magenverkleinerung konnte vorhergesagt werden: Menschen mit einem hohen metBMI verloren nach einer Operation durchschnittlich 30 Prozent weniger Gewicht. Das zeigt: Ein ungünstiger Stoffwechsel beeinflusst auch die Therapieerfolge. Was der Darm damit zu tun hat Ein zentraler Punkt der Studie war die Rolle der Darmbakterien. Menschen mit einem hohen metBMI hatten weniger Vielfalt im Mikrobiom – also in der Gesamtheit der Bakterien im Darm – und konnten schlechter gesundheitsfördernde Fettsäuren wie Buttersäure aus Ballaststoffen gewinnen. Außerdem fanden die Forschenden vermehrt Bakterienarten im Darm, die normalerweise im Mund vorkommen – ein Hinweis auf ein gestörtes Gleichgewicht in der Darmflora. Diese Veränderungen stehen im Verdacht, Entzündungen zu fördern und langfristig Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu begünstigen. metBMI ist mehr als nur eine Zahl Anders als der klassische BMI liefert der metBMI keine bloße Zahl, sondern ein Abbild der inneren Gesundheit. Er basiert auf 66 ausgewählten Stoffwechselprodukten im Blut, die den Austausch zwischen Körper und Darmbakterien widerspiegeln. Die genetische Veranlagung spielt dabei laut der Studie eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger sind demnach Ernährung, Bewegung und Umweltfaktoren. "Der traditionelle BMI übersieht oft Menschen, die normalgewichtig sind, aber ein hohes Stoffwechselrisiko haben. Der metBMI kann zu einer faireren und genaueren Einschätzung des Krankheitsrisikos beitragen", betont Chakaroun. Der metBMI könne damit die Einschätzung des Krankheitsrisikos deutlich verbessern und dazu beitragen, Risikopatienten früher zu identifizieren und medizinische Entscheidungen individueller zu treffen.