Gender Pain Gap: Frauen werden bei Schmerzen oft schlechter behandelt

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Frauen haben häufiger Schmerzen, doch sie werden medizinisch oft übersehen oder nicht ernst genommen. Welche Konsequenzen Ärzte daraus fordern. Ein stechender Schmerz, ein pochender Kopf oder ziehende Krämpfe: Für viele Frauen gehören Schmerzen zum Alltag. Trotzdem werden ihre Beschwerden in Arztpraxen und Kliniken häufig nicht ernst genommen. Studien zeigen, dass Frauen bei Schmerzen seltener wirksame Medikamente erhalten als Männer, später behandelt werden und häufiger mit psychosomatischen Erklärungen vertröstet werden. Dass das gravierende Folgen für die Therapie und für die Lebensqualität der Betroffenen haben kann, wurde auf dem jährlichen Schmerzkongress Ende 2025 betont. Schmerzmediziner berichteten dort, wie gravierend der sogenannte "Gender Pain Gap" ist. "Gender Pain Gap": Schmerz ist nicht gleich Schmerz Viele Studien zeigen, dass Frauen häufiger unter chronischen Schmerzen leiden als Männer. So erleben Frauen etwa Migräne dreimal so oft , haben häufiger Rückenschmerzen , Reizdarm , rheumatische Erkrankungen oder eine schmerzhafte Blasenentzündung . Auch neuropathische Schmerzen (Nervenschmerzen) sind bei Frauen mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes deutlich weiter verbreitet als bei Männern. Die Ursachen sind komplex: Hormone wie Östrogen beeinflussen das Schmerzempfinden. Während Testosteron schmerzhemmend wirkt, steigert Östrogen die Schmerzempfindlichkeit. Im Zyklusverlauf, besonders um den Eisprung , ist die Schmerztoleranz bei Frauen am niedrigsten. Nach den Wechseljahren verändert sich das Schmerzprofil oft erneut. Die Toleranz sinkt und bestimmte Schmerzarten treten folglich häufiger auf. Schmerzen bei Frauen werden anders wahrgenommen Nicht nur biologisch, auch sozial und kulturell zeigen sich Unterschiede: Männer gelten als "hart im Nehmen", Frauen dagegen als "empfindlich". Diese geschlechtsspezifischen Stereotype beeinflussen nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch Ärzte. Studien belegen: Schmerzäußerungen von Frauen werden systematisch unterschätzt, von medizinischem Fachpersonal ebenso wie von Laien. Das hat direkte Auswirkungen: In mehreren internationalen Untersuchungen bekamen Frauen mit identischen Symptomen seltener Schmerzmittel verschrieben, insbesondere starke Schmerzmittel wie Opioide. Sogar Ärztinnen selbst behandelten weibliche Patienten tendenziell zurückhaltender als Ärzte. Paracetamol, ASS: Welche Schmerzmittel im Alter problematisch sind Ibuprofen: Was passiert, wenn Sie jeden Tag eine Tablette nehmen Schmerzmittel wirken bei Frauen anders Auch die Wirkung von Medikamenten unterscheidet sich je nach Geschlecht. Frauen haben bei vielen Wirkstoffen höhere Blutspiegel, weil ihr Körper Medikamente oft langsamer abbaut, unter anderem wegen eines höheren Fettanteils und hormoneller Einflüsse. Das bedeutet: Sie benötigen oft geringere Dosen, reagieren aber auch anfälliger auf Nebenwirkungen. Dennoch ist die Schmerzmedizin bisher kaum auf diese Unterschiede eingestellt. Die Studienlage zu geschlechtsspezifischen Medikamentenwirkungen ist zwar nicht neu, aber sie fließt zu selten in die Behandlung ein. So sind Frauen in klinischen Studien unterrepräsentiert, geschlechtsspezifische Leitlinien fehlen vielerorts. Konsequenzen sind gravierend Ob Migräne , Endometriose oder Fibromyalgie : Krankheiten, die überwiegend Frauen betreffen, werden später erkannt, seltener erforscht und oft falsch behandelt. Bis zur Diagnose Endometriose vergehen in Deutschland im Schnitt zehn Jahre. Auch bei einem Herzinfarkt kommen Frauen im Schnitt eine Stunde später in die Notaufnahme, weil ihre Symptome nicht erkannt oder ernst genommen werden . Selbst die Forschung war lange männlich dominiert. Medikamente wurden an männlichen Versuchspersonen getestet, Normwerte an Männern definiert. Erst langsam setzt sich die Erkenntnis durch: Der männliche Körper ist nicht die medizinische Norm, und Schmerz ist keine Frage des Charakters, sondern ein individuelles, biologisches und soziales Phänomen. Kurzum: Frauen werden im Gesundheitssystem bis heute benachteiligt, wenn es um die Diagnose und Behandlung ihrer Schmerzen geht. Die Experten des Schmerzkongresses forderten deshalb eine geschlechtersensible Schmerzmedizin, die Stereotype überwindet und alle Menschen gerecht behandelt.
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