Neue Forschungsergebnisse wecken Zweifel an bisherigen Annahmen über die Lebensdauer des Menschen: Wurde die Bedeutung äußerer Einflüsse überschätzt? Wie alt Menschen werden, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Bislang galten die Gene für die Lebenserwartung als vergleichsweise unbedeutend. Ihr Einfluss wurde auf etwa 20 bis 25 Prozent beziffert. Neue Forschungsergebnisse, die gerade im Fachmagazin "Science" erschienen sind, weisen aber darauf hin, dass Erbanlagen eine deutlich größere Rolle spielen: Für die Unterschiede zwischen den Lebensspannen von Menschen seien zu etwa 50 Prozent genetische Faktoren verantwortlich, schreiben die Forscher. Einfacher ausgedrückt: Dass Menschen unterschiedlich alt werden, lässt sich laut der Studie etwa zur Hälfte mit den Genen erklären. Die andere Hälfte ist demnach auf andere Faktoren zurückzuführen, etwa Lebensgewohnheiten wie Ernährung, Rauchen, Bewegung und Stress, aber auch biologische Zufallsprozesse. Neue Auswertung großer Zwillingsstudien Das Team analysierte mehrere große Studien mit knapp 14.000 eineiigen und zweieiigen Zwillingen, im Rahmen derer der Einfluss des Erbguts auf das Altern untersucht worden war. Zwillingsstudien sind bei derartigen Fragen beliebt: Da eineiige Zwillinge genetisch identisch sind und zweieiige nur etwa zur Hälfte, lässt sich durch den Vergleich der beiden Gruppen gut erkennen, wie stark Gene im Gegensatz zur Umwelt bestimmte Unterschiede – etwa im Alterungsprozess – erklären. Bei der erneuten Betrachtung dieser Studien fiel den Wissenschaftlern allerdings etwas auf, das sie als entscheidende Schwäche bewerten: In ihnen wurde nicht zwischen inneren und äußeren Todesursachen unterschieden. Letztere treten weitgehend unabhängig von der erblichen Veranlagung auf und sind oft dem Zufall geschuldet – und hier sehen die Forscher das Problem: Ob jemand von einem Auto überfahren wird oder in einer Naturkatastrophe ums Leben kommt, hat mit seinen Genen wenig zu tun. Der Anteil genetischer Faktoren an solchen Ursachen ist also vernachlässigbar. Dadurch verringert sich der Anteil erblicher Einflüsse an der Gesamtheit der Todesursachen und es kommt zu einer Verzerrung. Das, meinen die Forscher, hätte berücksichtigt und rechnerisch korrigiert werden müssen. Nur so lässt sich ihrer Ansicht nach realistisch einschätzen, wie alt Menschen biologisch gesehen werden und inwieweit das an den Genen liegt. Um diese Korrektur vorzunehmen, bediente sich das Forscherteam in seiner Studie mathematischer Modelle. Dabei gelangte es zu dem erwähnten Schluss: Wenn äußere Todesursachen herausgerechnet werden, sind Unterschiede in der Lebenserwartung etwa zur Hälfte auf die Gene zurückzuführen. Mit 65, 75, 80 Jahren? Wann ein Mensch als alt gilt Historische Daten stützen das Ergebnis Eine Überprüfung anhand historischer Daten bestätigte die Annahmen der Wissenschaftler. Diesen Daten zufolge sei die Sterblichkeit durch äußere Todesursachen zwischen 1900 und 1935 deutlich zurückgegangen, ungefähr um den Faktor drei. Zugleich habe sich die geschätzte Vererbbarkeit der Lebensspanne verdoppelt. "Dies spricht dafür, dass das Herausrechnen extrinsischer Todesursachen den relativen Einfluss genetischer Faktoren sichtbar macht", sagte Chiara Herzog zum Science Media Center (SMC). Die Wissenschaftlerin war an der Studie nicht beteiligt, kennt sich mit dem Thema aber gut aus: Unter anderem ist sie Arbeitsgruppenleiterin am Department für Zwillingsforschung und Genetische Epidemiologie, Fakultät für Life Sciences und Medizin am King's College London . Herzog beurteilt die Ergebnisse als "methodisch gut abgesichert". Die berichteten Werte seien zudem auch mit Ergebnissen aus Tiermodellen vereinbar, etwa aus Mausstudien. Was heißt das für jeden Einzelnen? Forschungsnews wie diese führen leicht zu Missverständnissen, die wiederum irreführende Schlüsse nach sich ziehen können. Nicht ableiten lässt sich beispielsweise, dass die Lebensdauer einer einzelnen Person zur Hälfte genetisch bedingt ist. Sondern: Für die Unterschiedlichkeiten der Lebensspannen von Menschen sind zur Hälfte erbliche Faktoren verantwortlich. Vererblichkeit sei eine populationsbasierte Kenngröße und erlaube keine direkten Rückschlüsse auf einzelne Personen, betont auch die Expertin Herzog gegenüber dem SMC. "Auf individueller Ebene spielen Verhaltensfaktoren wie Bewegung, Ernährung, und soziale Einbindung ebenso wie gesellschaftliche Rahmenbedingungen – etwa der Zugang zu sauberer Luft, Wasser und Grünflächen – weiterhin eine zentrale Rolle, nicht nur dafür, wie lange, sondern auch, wie gesund wir innerhalb dieser Zeit leben." Das bedeutet: Innerhalb des genetischen Rahmens kann jeder Einzelne viel für ein gesundes und langes Leben tun, in erster Linie, indem er auf seinen Lebensstil achtet. Soziale Bedingungen, medizinische Versorgung und nicht zuletzt der Zufall haben jedoch ebenfalls einen großen Einfluss. Alles liegt also nicht in der eigenen Hand – und hat auch wenig mit den Genen zu tun.