Multiple Sklerose: Sind bestimmte Bakterien im Darm die Auslöser?

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Forschungen zu Multipler Sklerose und Darmflora deuten darauf hin, dass die Darmbakterien bei der Krankheit eine bedeutende Rolle spielen. Bei Multipler Sklerose, kurz MS, richtet sich das Immunsystem fälschlicherweise gegen körpereigene Strukturen. Unter anderem greift es die Schutzschicht der Nerven, die sogenannte Myelinschicht, im Gehirn und im Rückenmark an. Die genauen Ursachen sind noch nicht abschließend erforscht. Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Zusammensetzung der Darmflora dabei eine bedeutende Rolle spielen könnte. Was ist Multiple Sklerose? Laut dem Bundesministerium für Gesundheit zählt Multiple Sklerose (MS) in den westlichen Industrienationen zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen bei jungen Erwachsenen. Multiple Sklerose ist eine unheilbare entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Bei Multipler Sklerose handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung: Die Immunabwehr des Körpers ist fehlgeleitet und richtet sich irrtümlich gegen eigene Strukturen, genauer: gegen Axone (Nervenfasern) und die umgebende Myelinschicht (Schutzschicht) von Nervenzellen. Immunzellen greifen zentrales Nervensystem an Der Begriff "Multiple Sklerose" leitet sich vom Lateinischen "multiplex" (vielfach) und "skleros" (hart) ab. Bei MS treten an verschiedenen Stellen des Gehirns und/oder des Rückenmarks akute Entzündungsreaktionen auf, welche die Nervenstrukturen schädigen und nach Abheilung Narbengewebe hinterlassen. Als Folge der Entzündungsprozesse in den Nervenstrukturen zeigen sich bei den Betroffenen oft schwerwiegende Symptome. Schwerwiegende Symptomatik von MS Bei MS werden Nervensignale nicht mehr richtig weitergeleitet. Abhängig davon, an welcher Stelle des zentralen Nervensystems (Gehirn oder Rückenmark) sich die Entzündungsherde bilden, können die Krankheitszeichen bei den Betroffenen unterschiedlich ausfallen. Zu den häufigen MS-Symptomen gehören unter anderem: Fatigue: ausgeprägte Erschöpfung, die sich auch durch Ruhe und Schlaf nicht verbessert Motorik: Muskelschwäche, Zittern, Gangunsicherheit, Lähmungserscheinungen, Krämpfe Sensibilitätsstörungen: Kribbeln, Taubheitsgefühle, Brennen an den Gliedmaßen, Störung der Temperaturempfindung sowie andere Missempfindungen Sehstörungen: verminderte Sehschärfe, Doppeltsehen, Augenbewegungsstörungen Koordination: Tremor (unwillkürliches Zittern), Ataxie (unkontrollierte Bewegungen), Schwindel, Gleichgewichtsstörungen Gedächtnis: Konzentrations- und Gedächtnisprobleme Psyche: depressive Verstimmungen Vegetative Störungen: Blasenfunktionsstörungen, Stuhlprobleme, sexuelle Funktionsstörungen Schmerzen: Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Rückenschmerzen , Schmerzen beim Augenbewegen (typisch bei Entzündung des Sehnervs) Die Ursachen der Multiplen Sklerose und die Rolle des Darms Die genauen Gründe, warum MS entsteht, sind nicht vollständig erforscht. Fachleute vermuten ein Zusammenspiel von genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren, das zu einer Autoimmunreaktion führt. Zu den Risikofaktoren für MS gehören: weibliches Geschlecht genetische Veranlagung Vorkommen von MS in der Familie Vorkommen von Autoimmunerkrankungen in der Familie, etwa Diabetes Typ 1 frühe Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus, dem Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers Wohnort in nördlichen Breitengraden Rauchen Übergewicht Vitamin-D-Mangel Ebenso deuten Studien auf einen Zusammenhang zwischen MS und Darmmikrobiom (Gesamtheit aller Mikroorganismen im Darm) hin. Es gibt Hinweise, dass ein verändertes Darmmikrobiom das Risiko erhöhen kann, an MS zu erkranken. Untersuchungen zeigen, dass sich die Zusammensetzung des Darmmikrobioms bei MS-Betroffenen von der bei gesunden Menschen unterscheidet. Einige entzündungshemmende Bakterien sind reduziert, andere potenziell entzündungsfördernde Bakterien vermehrt. Die Bedeutung dieser Unterschiede für das Krankheitsgeschehen ist Gegenstand vieler Forschungen. Darm und Multiple Sklerose: MS Twin Study untersucht Zusammenhang Es gibt vielfältige Forschungen, die untersuchen, welche Rolle der Darm im Zusammenhang mit Multipler Sklerose spielt. Ein Beispiel ist die Zwillingsstudie "MS Twin Study" am Institut für Klinische Neuroimmunologie des LMU Klinikums. Das Team mehrerer Forschungseinrichtungen unter der Leitung von Dr. Anneli Peters (Biomedizinisches Centrum der LMU) und Professor Hartmut Wekerle (Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz) untersuchte die Stuhlproben von 81 eineiigen Zwillingspaaren, bei denen ein Zwilling an MS erkrankt ist, während der andere keine Symptome aufweist. Neben den geringen genetischen Unterschieden haben die Zwillinge bis ins frühe Erwachsenenalter zusammengelebt und waren somit ähnlichen Umweltfaktoren ausgesetzt. Zwillinge zeigen unterschiedliches Darmmikrobiom Die Forschenden identifizierten 51 Taxa (Mikroorganismen einer bestimmten Gruppe), die in gesunden und erkrankten Zwillingen unterschiedlich oft zu finden waren. Vier der Zwillingspaare erklärten sich dazu bereit, dass ihnen endoskopisch Proben aus dem Dünndarm entnommen werden – dem Ort, an dem die krank machenden Interaktionen zwischen den Mikroorganismen und den körpereigenen Immunzellen vermutet werden. Mit diesen Proben wurden im Anschluss spezielle Mäuse besiedelt. Symptome zeigten daraufhin hauptsächlich die Mäuse, die mit Proben der MS-Patienten in Kontakt gekommen waren. Laut den Forschenden deutet das darauf hin, dass sich im Dünndarm von MS-Betroffenen krankheitsauslösende Mikroorganismen befinden. Potenziell krankheitsauslösende Bakterien im Dünndarm Die Forschenden untersuchten anschließend auch den Stuhl der erkrankten Mäuse und konnten bisher zwei Mitglieder der Familie der Lachnospiraceen (Lachnoclostridium sp. und Eisenbergiella tayi) als potenzielle krankheitsauslösende Faktoren identifizieren. Weitere Studien sind nötig, um ein umfassenderes Bild zu erhalten und das krankheitsauslösende Potenzial der beiden Kandidaten im Detail zu überprüfen. Auch kann es noch weitere Organismen mit diesem Potenzial geben. Die Forschenden sind hoffnungsvoll: Sollte sich herausstellen, dass nur eine kleine Anzahl von Mikroorganismen die Krankheit auslöst, könnte das den Weg für neue Therapiemöglichkeiten ebnen. Vorsicht, Verwechslungsgefahr: Wie bestimmte Bakterien im Darm MS den Weg ebnen können Ein weiterer Gegenstand der MS-Forschung ist, herauszufinden, warum das Immunsystem die Myelinschicht angreift und welche Rolle Darmbakterien im MS-Geschehen spielen. Eine Hypothese ist, dass bestimmte entzündungsfördernde Darmbakterien, die ähnliche Oberflächenstrukturen wie die Myelinschicht der Nerven besitzen, den Krankheitsverlauf maßgeblich mitbestimmen, indem sie das Immunsystem scharf stellen. Fachleute bezeichnen diese Ähnlichkeit zwischen den Bakterien und der Myelinschicht als "molekulare Mimikry". Die Vermutung ist, dass aufgrund dieser Ähnlichkeit das Immunsystem nicht zwischen schädlichen Bakterien und eigenem Gewebe unterscheiden kann und sich selbst bekämpft. Molekulare Mimikry im Mäuseversuch Um ein Beispiel aus der Forschung zu nennen: Mit ihrer Forschungsgruppe an der Universität Basel und am Universitätsklinikum Bonn (UKB) untersucht die Neurologin Prof. Dr. Anne-Katrin Pröbstel die Rolle des Mikrobioms bei MS. Die Untersuchungen unterstützen die Hypothese der "molekularen Mimikry". Mit molekularbiologischen Methoden veränderten die Forschenden entzündungsfördernde Bakterien der Gattung Salmonella so, dass sie eine der Myelinschicht ähnliche Oberflächenstruktur bekamen. Im Mäuseversuch bewirkten die myelinähnlichen Salmonellen einen markant schnelleren Krankheitsverlauf als die unveränderten Bakterien. Die Forschenden vermuten eine Kombination aus Entzündungsprozessen und molekularer Mimikry, welche spezifische Immunzellen aktiviert. Diese Immunzellen wandern aus dem Darm zum zentralen Nervensystem und greifen die Myelinschicht an. Die Studie zeigt, dass nicht nur die Zusammensetzung der Darmflora eine Rolle bei MS spielt, sondern dass auch myelinähnliche Oberflächenstrukturen auf bestimmten Bakterien dazu beitragen könnten, wie die Krankheit verläuft. Die Hoffnung der Forschenden ist, zukünftig mit Bakterien arbeiten zu können, die das Immunsystem gezielt beruhigen, und Immunzellen darauf zu trainieren, das Myelin zu tolerieren und nicht anzugreifen. Kann eine gesunde Ernährung MS-Symptome verbessern? Ebenso beschäftigen sich verschiedene Forschungen mit der Frage, ob eine bestimmte Ernährungsweise den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen und die Symptomatik verbessern kann. Angaben der Schweizerischen Multiple Sklerose Gesellschaft zufolge kann eine ungesunde, beispielsweise ballaststoffarme Ernährung unter Umständen die Prozesse einer MS ankurbeln, indem sie die Vermehrung bestimmter entzündungsfördernder Bakterien begünstigt. Mit einer gesunden Ernährung hingegen ließen sich die Entzündungsvorgänge möglicherweise günstig beeinflussen. Mittlerweile hätten einige Studien zeigen können, dass Vitamin D , Biotin, Grüntee, Omega-3-Fettsäuren und Probiotika bei MS unter Umständen eine günstige Wirkung haben. Ebenso gibt es Hinweise, dass eine mediterrane Diät, Intervallfasten (mit einer Fastenphase von 14 bis 16 Stunden) und eine ketogene Diät eine MS gegebenenfalls positiv beeinflussen können. Ernährung bei MS – das rät die Leitlinie Eine standardisierte Mikrobiomtherapie gegen MS gibt es bislang nicht. Wie die Autoren der Leitlinie "Diagnose und Therapie der MS" betonen, gibt es mittlerweile zwar klare Hinweise darauf, dass das Mikrobiom bei MS verändert ist. Allerdings könnten aufgrund der momentan noch begrenzten Datenlage daraus noch keine therapeutischen Empfehlungen abgeleitet werden. Auf Versorgung mit Mikronährstoffen achten Die Autoren raten mit Blick auf die aktuellen Erkenntnisse, sowohl in der Primärprävention als auch für bereits Erkrankte, eine ausreichende Versorgung mit allen Mikronährstoffen über die Nahrung sicherzustellen und eventuell bestehende Nährstoffmängel auszugleichen. Außerdem empfehlen die Autoren der Leitlinie MS-Betroffenen eine nach aktuellen Ernährungsstandards ausgewogene Ernährung. Diese soll sich an den aktuellen lebensmittelbezogenen Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) orientieren. Zudem sollen MS-Betroffene über den negativen Einfluss von Übergewicht, Adipositas und kardiovaskulären Risiken aufgeklärt werden. Weitere Forschung ist notwendig Obgleich noch weitere Forschung notwendig ist, deuten die vielfältigen Ergebnisse verschiedener Studien bereits darauf hin, dass das Darmmikrobiom bei MS eine bedeutendere Rolle spielt. Weiterführende Untersuchungen können dabei helfen, zukünftige Therapiemaßnahmen zu entwickeln, die gezielt die Darmgesundheit mit im Blick haben, sei es durch spezielle Medikamente oder eine entsprechende Ernährung.
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