Die Reha nach einem Schlaganfall zielt hauptsächlich auf die stärker beeinträchtigte Körperseite ab. Eine aktuelle Studie stellt diesen Ansatz nun infrage. Schlaganfälle können zu zahlreichen Beeinträchtigungen wie Lähmungserscheinungen führen. Meist ist überwiegend eine Körperseite in Mitleidenschaft gezogen, sodass die Betroffenen etwa den rechten Arm und/oder das rechte Bein nicht mehr richtig bewegen können. Die derzeit nach einem Schlaganfall übliche körperliche Rehabilitation soll in erster Linie die Muskelkraft und die Beweglichkeit der stärker beeinträchtigten Körperhälfte steigern. Die neue Studie zeigt jedoch, dass die Betroffenen von einer gezielten Behandlung für den weniger beeinträchtigten Arm womöglich stärker profitieren. Durchgeführt wurde sie unter der Leitung von Forscherinnen und Forschern der Pennsylvania State University und der University of Southern California. Was genau ergab die neue Studie? Die aktuell in der medizinischen Fachzeitschrift "JAMA Neurology" veröffentlichten Studienergebnisse weisen darauf hin, dass bei einseitigen Funktionseinschränkungen infolge eines Schlaganfalls ein gezieltes Training des weniger beeinträchtigten ("guten") Arms hilfreich ist. Denn auf diese Weise können sich die motorischen Fähigkeiten wie Koordination, Schnelligkeit und Beweglichkeit deutlich verbessern – selbst dann, wenn der Schlaganfall bereits Jahre zurückliegt. Schlaganfall erkennen: Diese Symptome sind typisch Schlaganfall-Folgen: Welche Beeinträchtigungen bleiben zurück? Messen ließ sich der Behandlungserfolg mithilfe eines Standard-Geschicklichkeitstests, bei dem die Teilnehmer mit ihrer "guten" Hand unter anderem kleine Gegenstände aufheben und Karten umdrehen mussten: Nach Abschluss des Trainings konnten sie den Test um zwölf Prozent schneller ausführen als zu Trainingsbeginn. Diese Verbesserung war auch mindestens sechs Monate später noch feststellbar. Warum diese Studie? Schlaganfälle sind weltweit die Hauptursache für Behinderungen. In Deutschland erleiden jedes Jahr rund 270.000 Menschen einen Schlaganfall, wobei es für circa 70.000 von ihnen bereits mindestens das zweite Ereignis dieser Art ist. Bei bis zur Hälfte der Betroffenen bleiben langfristig mittelschwere bis schwere Behinderungen wie die unvollständige Lähmung einer Körperhälfte zurück. Stroke-Unit: Spezialstation für schnelle Hilfe bei Schlaganfall Test: Ist Ihr Risiko für einen Schlaganfall erhöht? Schlaganfall vorbeugen: So senken Sie das Risiko In solchen Fällen wirkt die Funktionsfähigkeit der anderen Körperhälfte vergleichsweise normal. Daher konzentriert sich die körperliche Rehabilitation nach einem Schlaganfall bislang üblicherweise auf die stärker beeinträchtigte Körperhälfte. Doch auch der "gute" Arm büßt oft erheblich an Funktion ein, was mitentscheidend dafür ist, inwieweit die Betroffenen im Alltag auf Hilfe angewiesen sind. An der Koordination von Bewegung sind nämlich beide Gehirnhälften beteiligt, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Ein Schlaganfall, durch den das Hirngewebe auf einer Seite geschädigt ist, kann daher die Bewegungsfähigkeit beider Hände beeinträchtigen. Bisher gibt es aber keine wissenschaftlich untersuchte Behandlung, die sich nachweislich positiv auf den "guten" Arm auswirkt. Dabei sind Menschen, die nach einem Schlaganfall eine schwere einseitige Lähmung haben, schon für kleine alltägliche Verrichtungen wie Anziehen oder Essen auf ihren "guten" Arm angewiesen. Eine entsprechende Rehabilitation könnte ihre Lebensqualität also verbessern und die Belastung für Pflegende verringern. Daher wollte das Forschungsteam in seiner aktuellen Studie herausfinden, ob ein gezieltes Training des weniger beeinträchtigten Arms nachhaltig dazu beitragen kann. Wie lief die Studie ab? An der Studie nahmen 53 Menschen teil. Alle hatten bereits wenigstens einen Schlaganfall, der mindestens drei Monate, in einigen Fällen sogar schon viele Jahre zurücklag. Zum Zeitpunkt der Studie konnten alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit ihrer "schlechten" Hand nichts greifen und loslassen und waren für alltägliche Aufgaben auf ihre "gute" Hand angewiesen. Die teilnehmenden Personen wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt und erhielten fünf Wochen lang dreimal pro Woche eine Rehabilitationstherapie. 25 kamen in die Behandlungsgruppe, in der ein gezieltes Training für den weniger beeinträchtigten Arm stattfand. Der Rest bildete die Kontrollgruppe, die sich der bewährten Standardbehandlung für den stärker beeinträchtigten Arm unterzog. Die Mitglieder beider Gruppen wurden vor und am Ende der Studie sowie drei Wochen und sechs Monate nach dem Studienende untersucht. Was bringt die Zukunft? Laut den Studienergebnissen könnte eine entsprechend angepasste Reha-Behandlung die Funktion der weniger beeinträchtigten Hand wiederherstellen oder zumindest deutlich verbessern. Das Forschungsteam möchte nun weiter untersuchen, wie sich das gezielte Training der weniger beeinträchtigten Körperhälfte mit bestehenden Rehabilitationstherapien nach einem Schlaganfall kombinieren lässt, um die Funktionsfähigkeit und damit die Unabhängigkeit der Betroffenen im Alltag zu fördern.