Viele greifen zu Vitaminpräparaten, um "etwas für die Nerven" zu tun. Doch gerade Vitamin B6 kann bei Überdosierung selbst Nerven schädigen, und das teils dauerhaft. Brennen in den Füßen, Taubheit in den Händen oder ein Gefühl wie "Ameisenlaufen": Bei solchen Beschwerden leiden Betroffene häufig an einer sogenannten Polyneuropathie , also einer Schädigung der peripheren Nerven. Bekannt sind Alkohol, Diabetes oder Chemotherapie als Auslöser. Doch auch Vitaminpräparate – genauer Vitamin B6 – können schuld sein. Unterschätzte Gefahr durch Vitamin-B6-Tabletten Australien zieht deshalb Konsequenzen: Ab 2027 sollen dort Präparate mit mehr als 50 Milligramm Vitamin B6 nur noch in Apotheken erhältlich sein, solche mit über 200 Milligramm sogar nur auf Rezept. Der Grund: Mehr als 250 dokumentierte Fälle von Polyneuropathien nach langjähriger Einnahme hoch dosierter Vitamin-B6-Präparate. Auch deutsche Fachärzte warnen. Hans-Jürgen Gdynia, Chefarzt der Neurologie an der m&i-Fachklinik Enzensberg in Hopfen am See, sieht eine klare Schieflage. Präparate mit B-Vitaminen würden "in Apotheken, im Fernsehen, im Internet als nützlich für die Nerven beworben". Das Problem sei, dass viele Menschen "frei verkäuflich mit ungefährlich gleichsetzen". Dieser Glaube sei jedoch trügerisch, erklärte er dem Medizinportal "univadis". BfR warnt, doch Regale bleiben voll Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) empfiehlt seit 2024: Erwachsene sollten über Nahrungsergänzungsmittel nicht mehr als 0,9 Milligramm Vitamin B6 pro Tag aufnehmen. Auch die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde (Efsa) hat den Grenzwert 2023 deutlich gesenkt – von 25 auf 12 Milligramm pro Tag. Die Realität in Apotheken und Drogerien sieht anders aus: Dort finden sich B6-Präparate mit 25, 50 oder sogar 100 Milligramm pro Tablette. Auch Vitamin-B-Komplexe enthalten oft deutlich zu viel. Vor allem für Sportler, Frauen mit PMS oder "gestresste" Menschen werden solche Produkte als "Nervenstärker" beworben. Das Risiko: Viele nehmen gleich mehrere dieser Präparate ein und merken nicht, wie sie über Monate unbewusst gefährliche Mengen anhäufen. Nervenerkrankung: Typische Anzeichen für Polyneuropathie Vitamine ab 50: Das braucht Ihr Körper Nervenschäden durch Alltagspräparate Dass zu viel Vitamin B6 die Nerven schädigen kann, ist seit den 1980er-Jahren bekannt. Doch wie oft das heute passiert, überrascht selbst Fachleute. Beim Neurologenkongress 2025 stellte Gdynia acht Fälle aus seiner Klinik vor, bei denen B6-Präparate zur Polyneuropathie führten. "Und das sind nur Patienten, die über einen Zeitraum von vier Jahren in unserer neurologischen Ambulanz vorstellig wurden", betonte er. Es handelte sich durchweg um Präparate aus Apotheken oder Drogerien und nicht um dubiose Internetprodukte. Betroffene berichteten demnach, dass sie Vitamin-B-Komplexe teils auf eigene Faust, teils sogar auf ärztlichen Rat hin einnahmen – oft zur "allgemeinen Stärkung". Eine besonders hohe Dosis sei dafür nicht nötig. "Die Schädigungen entstehen auch bei 50 Milligramm pro Tag, wenn diese langfristig eingenommen werden", so Gdynia. Typische Symptome und Diagnosefehler Die Schäden beginnen meist schleichend: Kribbeln, Brennen, Gefühlsstörungen in Fingern oder Zehen. Manche bemerken unsicheren Gang oder Probleme mit der Feinmotorik. In fortgeschrittenen Fällen sind auch motorische Ausfälle möglich. Das Problem: Viele Ärzte denken bei diesen Symptomen nicht an Vitaminpräparate. In der Diagnostik wird oft nicht nach Nahrungsergänzungsmitteln gefragt und der B6-Blutwert nur selten kontrolliert. Dabei ließe sich das Problem oft lösen: "Nach Absetzen des Präparats kommt es in vielen Fällen zu einer schrittweisen Besserung, sofern die Schädigung nicht zu lange angedauert hat", sagte Gdynia. Deshalb fordert er, dass Vitamin-B6-Spiegel zur Routinediagnostik bei unklaren Polyneuropathien gehören sollten.