Millionen Menschen nehmen jedes Jahr Antibiotika gegen bakterielle Infektionen ein. Eine Untersuchung zeigt: Die Medikamente könnten länger wirken als bislang vermutet. Antibiotika retten Leben und bekämpfen gefährliche bakterielle Infektionen. Doch einer aktuellen Studie zufolge können die Medikamente den Darm deutlich länger beeinflussen als bisher gedacht – in manchen Fällen sogar noch Jahre nach der Behandlung. Ein Forschungsteam der Universität Uppsala in Schweden hat untersucht, wie stark Antibiotika die sogenannte Darmflora verändern. Die Ergebnisse der Studie erschienen in der Fachzeitschrift "Nature Medicine". Darmflora spielt wichtige Rolle für die Gesundheit Die Darmflora erfüllt im Körper viele wichtige Aufgaben: Sie unterstützt die Verdauung , beeinflusst das Immunsystem und beeinflusst den Stoffwechsel und den Appetit. Forscher vermuten zudem Zusammenhänge mit Krankheiten wie Diabetes , Übergewicht oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Antibiotika bekämpfen bakterielle Infektionen, indem sie Bakterien abtöten oder deren Wachstum hemmen. Dabei unterscheiden sie jedoch nicht zwischen schädlichen Krankheitserregern und nützlichen Darmbakterien. Direkt nach einer Behandlung sinkt deshalb oft die Vielfalt der Bakterien im Darm deutlich. Veränderungen noch nach acht Jahren messbar Wie lange sich die Darmflora danach erholt, war bislang unklar. Um diese Frage zu klären, analysierten die Forscher Daten von 14.979 Erwachsenen in Schweden. Sie werteten Arzneimittelregister aus und untersuchten gleichzeitig Stuhlproben, um die Zusammensetzung der Darmflora zu bestimmen. Die Ergebnisse zeigen: Hatten Teilnehmer innerhalb eines Jahres vor der Probe ein Antibiotikum eingenommen, ließ sich das deutlich an der Darmflora erkennen. Die Vielfalt der Bakterien war bei vielen Antibiotikaklassen reduziert. Überraschend war ein anderes Ergebnis: Selbst bei Menschen, deren Antibiotikabehandlung vier bis acht Jahre zurücklag, fanden die Forscher noch Veränderungen. Rund 10 bis 15 Prozent der Bakterienarten im Darm unterschieden sich weiterhin in ihrer Häufigkeit. "Wir sehen, dass sogar eine acht Jahre zurückliegende Behandlung die Zusammensetzung der Darmflora noch beeinflussen kann", sagte Studienautor Gabriel Baldanzi von der Universität Uppsala. Schon eine einzelne Antibiotikatherapie könne langfristige Spuren hinterlassen. Problem in Kliniken: Viele Senioren bekommen riskante Medikamente Studie: Schwere Nebenwirkung bei Abnehmspritzen beobachtet Nicht alle Antibiotika wirken gleich stark Die Studie zeigt jedoch auch deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Wirkstoffen. Einige häufig eingesetzte Antibiotika hinterließen kaum langfristige Veränderungen im Darmmikrobiom. Dazu gehörten unter anderem: Penicillin V, Amoxicillin, Sulfamethoxazol und Trimethoprim. Stärkere und länger anhaltende Effekte beobachteten die Forscher dagegen bei: Clindamycin, Flucloxacillin und Fluorchinolonen. Auch Tetracyclin zeigte noch messbare Nachwirkungen, allerdings in geringerem Ausmaß. Warum gerade manche Antibiotika die Darmflora besonders stark verändern, ist bislang nicht vollständig geklärt. Mögliche Auswirkungen auf die Gesundheit Die Veränderungen könnten laut den Autoren gesundheitliche Auswirkungen haben. Einige Bakteriengruppen, die nach Antibiotikabehandlungen häufiger vorkamen, stehen in Studien im Zusammenhang mit Übergewicht, erhöhten Cholesterinwerten, entzündlichen Darmerkrankungen oder Typ-2-Diabetes. Die Forscher betonen jedoch, dass Antibiotika weiterhin ein unverzichtbares Mittel gegen bakterielle Infektionen bleiben. Die Ergebnisse sollen vielmehr helfen, ihren Einsatz künftig noch gezielter zu steuern. Das heißt: Wenn mehrere gleich wirksame Medikamente zur Verfügung stehen, könnte in Zukunft auch berücksichtigt werden, welches Antibiotikum die Darmflora langfristig weniger stark beeinflusst.