Deutschland leistet exzellente Krebsforschung, scheitert aber an der Umsetzung. Eine neue Recherche zeigt: Studien starten hier oft Monate später als im Ausland – mit direkten Folgen für Patienten. Für viele Menschen mit Krebs sind klinische Studien keine Option unter vielen, sondern oft die letzte Hoffnung. Sie ermöglichen Zugang zu neuen Therapien, wenn Standardbehandlungen ausgeschöpft sind. Doch ausgerechnet in Deutschland kommen solche Studien nur langsam voran. Ein aktueller Bericht des SWR macht deutlich, wo das Problem liegt. Zwar zählt Deutschland in der Grundlagenforschung weiterhin zur Spitze. Doch beim entscheidenden Schritt – dem Test neuer Therapien an Patienten – fällt das Land international zurück. Deutschland ist europäisches Schlusslicht Ein Vergleich zeigt die Dimension: In Dänemark laufen pro eine Million Einwohner 192 Arzneimittelstudien, in Deutschland nur 33. Damit liegt die Bundesrepublik europaweit am Ende der Skala – auch bei Krebsstudien. Das hat direkte Folgen für Betroffene. "Klinische Studien sind in der Onkologie faktisch Teil der Versorgung", erklärt Julia Ritzerfeld vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg . Besonders für schwer erkrankte Menschen eröffnen sie Zugang zu innovativen Medikamenten, die noch nicht zugelassen sind. WHO-Kodex: 14 Regeln sollen Krebs verhindern Krebs bei Jüngeren: Diese Diagnosen sind besonders häufig Monate statt Wochen warten Während Studien in Ländern wie Spanien oder Frankreich oft innerhalb weniger Wochen starten, dauert es in Deutschland häufig Monate oder sogar Jahre. Der bürokratische Aufwand bremst den Prozess so stark, dass internationale Studien manchmal fast abgeschlossen sind, bevor das erste deutsche Zentrum beginnen kann. Für Patienten bedeutet das: Sie verlieren wertvolle Zeit – oder sogar die Chance auf eine neue Therapie. Föderales System als Hindernis Ein Kernproblem ist die zersplitterte Struktur des Gesundheitssystems. Gesundheitspolitik ist in Deutschland Ländersache. Entsprechend prüfen zahlreiche Ethikkommissionen Studienanträge – oft mit unterschiedlichen Bewertungen. Hinzu kommen mehrere Bundesbehörden, die je nach Studie beteiligt sind, darunter das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, das Paul-Ehrlich-Institut und das Bundesamt für Strahlenschutz. Das Ergebnis: komplizierte Verfahren, lange Abstimmungen und erhebliche Verzögerungen. Erste Verbesserungen, aber noch kein Durchbruch Es gibt jedoch Lichtblicke. Seit dem vergangenen Sommer prüft eine zentrale Ethikkommission Anträge für besonders innovative Studien in einem Schnellverfahren. Zudem fördert das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) neue Forschungsansätze. Forscher erhalten dort vergleichsweise unkompliziert Gelder, um neue Therapien schneller in Studien zu bringen. Ein weiterer Fortschritt betrifft die Inhalte der Studien selbst. An den NCT-Standorten achten Forscher zunehmend darauf, nicht nur die Überlebenszeit zu messen, sondern auch die Lebensqualität. Patienten bringen ihre Perspektive stärker ein, etwa dazu, wie belastend eine Therapie wirklich ist.