Kurzsichtigkeit entsteht womöglich weniger durch lange Bildschirmzeit, sondern durch langes Nahsehen bei wenig Licht. Das legt eine neue Studie nahe. Kurzsichtigkeit (Myopie) nimmt weltweit zu, besonders bei Kindern und jungen Erwachsenen. Unter Verdacht standen dabei vor allem die intensive Nutzung von Smartphones, Tablets oder Computern, der genaue Einfluss blieb jedoch unklar. Laut einer in der Fachzeitschrift "Cell Reports" erschienenen Studie könnte jedoch weniger die Bildschirmzeit selbst entscheidend sein, sondern wie unsere Augen im Nahbereich arbeiten. "Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass es vor allem darauf ankommt, wie viel Licht bei längerer Naharbeit, insbesondere in Innenräumen, tatsächlich auf die Netzhaut trifft", erklärt Studienleiter Jose-Manuel Alonso. Wenn die Augen lange auf Nahsicht eingestellt sind Kurzsichtigkeit bedeutet, dass entfernte Dinge unscharf erscheinen und man nur im Nahbereich scharf sieht. In Europa ist schätzungsweise jeder Dritte davon betroffen. Da sich diese Entwicklung innerhalb weniger Generationen stark beschleunigt hat, gehen Experten davon aus, dass neben genetischen Faktoren auch Umwelt und Sehgewohnheiten eine wichtige Rolle spielen. Schon länger beobachten Forscher dabei zwei Zusammenhänge: Menschen, die viel Zeit im Freien verbringen, entwickeln seltener Kurzsichtigkeit. Gleichzeitig scheint langes Arbeiten oder Lesen auf kurze Distanz das Risiko zu erhöhen. Brillenträger: Sind intelligente Menschen häufiger kurzsichtig? Augenprobleme: Mehrheit der Älteren erkennt Warnzeichen nicht Bildschirmarbeit: Wie sie unseren Augen schadet Die Rolle der Pupille Die Studie rückt vor allem die Pupille in den Fokus. Sie funktioniert ähnlich wie die Blende einer Kamera und steuert, wie viel Licht ins Auge gelangt. Im hellen Tageslicht im Freien verengt sich die Pupille zwar, trotzdem erreicht ausreichend Licht die Netzhaut. Wenn wir dagegen auf nahe Objekte schauen, etwa beim Lesen oder am Smartphone, verengt sich die Pupille ebenfalls, damit das Bild schärfer wird. Findet diese Naharbeit jedoch in eher dunkler Umgebung beziehungsweise bei schlechten Lichtverhältnissen statt, kann insgesamt deutlich weniger Licht die Netzhaut erreichen. Nach Ansicht der Forscher könnte diese geringere Lichtstimulation über längere Zeit bestimmte Signalwege im Auge schwächen, die für die Verarbeitung von visuellen Reizen wichtig sind. Das könnte wiederum die Entwicklung oder das Fortschreiten von Kurzsichtigkeit begünstigen. Kurzsichtigkeit: Warum bekannte Maßnahmen helfen könnten Die neuen Erkenntnisse setzen somit bereits bekannte Beobachtungen in Zusammenhang: Helles Tageslicht im Freien schützt, weil es die Netzhaut stark anregt. Augentropfen mit Atropin können Kurzsichtigkeit verlangsamen, weil sich die Pupillen dabei weit stellen und mehr Licht einlassen. Brillengläser für Kurzsichtige entlasten die Augen beim Sehen in der Nähe. All diese Faktoren tragen im Grunde dazu bei, dass mehr Licht die Netzhaut erreicht. Was bedeutet das für den Alltag? Die Forscher betonen, dass ihre Arbeit keine endgültige Erklärung liefert und auch andere Faktoren eine Rolle spielen können. Dennoch passt sie zu vielen bisherigen Beobachtungen rund um Kurzsichtigkeit. Für den Alltag gelten deshalb weiterhin folgende Empfehlungen: Vor allem Kinder sollten regelmäßig Pausen vom Nahsehen einlegen und täglich Zeit im Freien verbringen. Ferner können eine gute Beleuchtung beim Lesen oder Arbeiten sowie regelmäßige Pausen bei längerer Naharbeit den Augen helfen. Fachleute empfehlen etwa bei Bildschirmarbeit, den Augen etwa alle 50 Minuten eine kurze Pause zu gönnen und in die Ferne zu blicken. Weitere Studien sollen nun die Zusammenhänge bei der Entstehung von Kurzsichtigkeit genauer klären.