Wer eine psychische Erkrankung hat, erhält im Laufe des Lebens oft noch eine zweite oder dritte Diagnose. Eine Studie deckt mögliche Gründe auf. Menschen, bei denen eine psychische Erkrankung festgestellt wurde, entwickeln nicht selten in den darauffolgenden Jahren Symptome einer weiteren. Das kann die genaue Diagnose und auch die Behandlung erschweren. Das Risiko für psychische Erkrankungen wird zwar auch durch Lebenserfahrungen und andere Faktoren beeinflusst. Wie eine kürzlich in der Fachzeitschrift "Nature" veröffentlichte Studie nun aber zeigt, könnten genetische Faktoren eine stärkere Rolle dabei spielen, warum es so häufig zu einander überlappenden Erkrankungen kommt. Fünf Gruppen erkannt – Mehrfachdiagnosen nicht zufällig Um die genetischen Einflüsse aufzudecken, analysierte das von Kenneth Kendler und Jordan Smoller geleitete Forschungsteam Daten von mehr als sechs Millionen Menschen in Hinblick auf 14 psychische Erkrankungen: eine Million davon mit psychischen Erkrankungen, die sich im Kindes- oder Erwachsenenalter zeigten und fünf Millionen davon ohne bekannte Diagnose. Die Auswertung ließ darauf schließen, dass es fünf große Gruppen gibt, die genetische Ähnlichkeiten aufweisen: Zwangsstörungen, Magersucht und (etwas weniger) Tourettesyndrom (schwere) Depressionen, Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörungen Autismus-Spektrum-Störung, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und (etwas weniger) Tourettesyndrom Schizophrenie , bipolare Störungen Opioid-, Cannabis-, Alkohol- und Nikotinabhängigkeit So liegen etwa Depressionen , Angststörungen und posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) besonders eng beieinander: Sie teilen etwa 90 Prozent ihrer genetischen Marker. Auch Schizophrenie und bipolare Störungen überlappen sich in großen Teilen, sie weisen etwa 66 Prozent genetische Ähnlichkeiten auf. Mehrfachdiagnosen entwickeln sich den Forschern zufolge demnach nicht zufällig, sondern weil sie auf denselben genetischen Grundlagen beruhen. Depressionen: Sport möglicherweise ähnlich effektiv wie Psychotherapie ADHS bei Erwachsenen: Nur Mode oder echtes Problem? Gene sind bereits in der frühen Gehirnentwicklung aktiv Die Forscher stellten darüber hinaus fest, dass Erkrankungen mit einem gemeinsamen genetischen Risiko häufig ähnliche biologische Muster aufweisen, etwa wann die gemeinsamen Gene während der Entwicklung des Gehirns wirken und welche Arten von Gehirnzellen betroffen waren. Viele dieser Gene greifen bereits sehr früh, noch vor der Geburt, in grundlegende Prozesse ein. Zudem ließen sich verschiedene Typen von Gehirnzellen identifizieren, die jeweils spezifisch das Risiko für bestimmte Gruppen von Erkrankungen erhöhen. So waren etwa Gene, die in Oligodendrozyten exprimiert (also abgelesen und in Proteine oder mRNA übersetzt) wurden, bei Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen stärker ausgeprägt. Oligodendrozyten sind spezielle Gehirnzellen. Sie sorgen dafür, dass Nervensignale schnell weitergeleitet werden, und ermöglichen gewissermaßen schnelles Denken. Hingegen waren Gene, die in sogenannten exzitatorischen Neuronen exprimiert wurden, vor allem bei Schizophrenie und bipolaren Störungen dominanter. Diese Nervenzellen aktivieren andere Nervenzellen und erregen und verstärken Signale. Demnach kann ein genetisches Risiko für bestimmte psychische Erkrankungen bei manchen Menschen bereits von Anfang an bestehen. Stress , soziale Einflüsse, traumatische Erlebnisse oder andere Umweltfaktoren können dann Auslöser von Depressionen oder anderen Erkrankungen sein. Hoffnung auf neue Therapieansätze Bereits heute werden manche Medikamente bei mehreren Erkrankungen eingesetzt. So helfen etwa Antidepressiva teils nicht nur bei Depressionen, sondern auch bei Angststörungen. Das scheint einleuchtend, da die Daten zeigen, dass gewisse Erkrankungen dieselben biologischen Grundlagen teilen. Auf Basis der Studienergebnisse könnten den Forschern zufolge in Zukunft neue oder angepasste Therapien entwickelt werden, welche auf die Gemeinsamkeiten abzielen.