Die chronische Nierenerkrankung schwächt nicht nur die Nieren selbst, sie gefährdet auch das Herz. Jetzt haben Forscher einen Mechanismus entdeckt, der viele Todesfälle erklären könnte. In Deutschland haben rund neun Millionen Menschen eine chronische Nierenerkrankung, auch Niereninsuffizienz genannt. Über die Hälfte von ihnen stirbt an Herzschäden – bislang ohne klare Erklärung. Es wurde lange vermutet, dass Risikofaktoren, die die Niere schädigen, etwa Übergewicht oder Bluthochdruck, schlichtweg auch das Herz angreifen. Eine neue Studie von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den USA liefert nun erste Hinweise, die einen anderen Mechanismus vermuten lassen: Offenbar senden kranke Nieren Signale aus, die das Herz direkt angreifen. Die Forscher erhoffen sich auf Basis der Studienergebnisse einen neuen Ansatzpunkt für eine bessere Früherkennung und Therapien. Veröffentlicht wurde die Studie im Fachmagazin "Circulation". Kranke Nieren senden giftige Signale aus Das Team um die Ärztin und Forscherin Uta Erdbrügger von der University of Virginia (USA) untersuchte das Blut von 35 Menschen mit chronischer Nierenkrankheit und 18 gesunden Probanden. Dabei fand es heraus, dass die Blutproben der nierenkranken Probanden eine weitaus höhere Konzentration von sogenannten extrazellulären Vesikeln (EV) enthalten, die bestimmte genetische Bausteine in sich tragen. Zur Erklärung: Extrazelluläre Vesikel sind winzige, membranumhüllte Bläschen, die von vielen verschiedenen Zellen im Körper produziert werden. Sie transportieren Informationen wie bestimmte Proteine oder DNA von Zelle zu Zelle, auch über weite Strecken im Körper, etwa über den Blutstrom. Bei gesunden Menschen erfüllen diese EV wichtige Aufgaben. Doch bei chronisch nierenkranken Patienten können die Vesikel laut der aktuellen Studie kleine genetische Botenstoffe, sogenannte Mikro-RNAs (miRNA), in sich tragen, die das Herz direkt angreifen. Diese miRNAs sind keine Gene im klassischen Sinne, sondern regulieren die Aktivität anderer Gene und können dadurch Prozesse in Zellen steuern oder stören. Extrazelluläre Vesikel schädigen Herzzellen direkt Um den Mechanismus hinter den schädlichen Visikeln zu verstehen, führten die Forscherinnen und Forscher anschließend weitere Tests an Mäusen und Herzzellen durch. Dabei zeigte sich: Die miRNA-haltigen Vesikel aus dem Blut nierenkranker Menschen lösten in Herzzellen eine starke Schädigung aus. Die Zellen verloren ihre Fähigkeit, sich zusammenzuziehen, sie hörten auf zu schlagen und starben ab. Auch bei Mäusen mit künstlich ausgelöster Nierenerkrankung zeigten sich diese herzschädigenden Effekte. Wurden die Vesikel aus dem Blut entfernt, besserte sich ihre Herzfunktion. Neues Ranking : Facharztmangel: Diese Städte trifft es besonders hart Diabetes und Übergewicht vermeiden : Zu dieser Uhrzeit bringen Essenspausen am meisten Studienautorin Uta Erdbrügger erklärt: "Ärzte haben sich immer gefragt, wie Organe wie Niere und Herz miteinander kommunizieren. Wir zeigen, dass extrazelluläre Vesikel aus der Niere zum Herzen wandern und dort toxisch wirken können." Allerdings stehe man noch ganz am Anfang dabei, die Kommunikation zu verstehen. Hoffnung auf neue Tests und Therapien Die Entdeckung der schädlichen Visikel könnte den Forschern zufolge zwei Vorteile mit sich bringen: Mittels Bluttest könnten die miRNAs in den Vesikeln künftig als Frühwarnzeichen für Herzprobleme bei Nierenkranken dienen, lange bevor Beschwerden auftreten. Denn auch bei Patientinnen und Patienten ohne eine diagnostizierte Herzinsuffizienz fanden die Forscher bereits eine erhöhte Konzentration der toxischen Vesikel. Zudem könnte man versuchen, die zirkulierenden extrazellulären Vesikel gezielt zu behandeln, um deren schädliche Wirkung auf das Herz zu lindern oder zu verhindern, so die Studienautorin.